Georgische Tafel – Supra

Bei archäologischen Ausgrabungen in Wani bei Kutaissi hat man eine Bronzestatue eines Mannes entdeckt, die einen Trinkhorn (auf Georgisch Kanzi) in der Hand hält. Diese Statue stammt aus dem VII. Jahrhundert v. Chr. So ist anzunehmen, dass die Tradition der georgischen Tafel Jahrhunderte zählt. Supra, also, die feierliche Tafel, ist ein Bestandteil der georgischen Traditionen.

Traditionen der georgischen Tafel

Nach Surab Kiknadse

«Man kann mit Sicherheit sagen, dass nirgendwo so viel und kostbarer Wein getrunken wird, wie in Georgien.»

Französischer Reisender Jean Chardin

Einführung

Georgische Tafel, supra genannt, alte Traditionen, Tamada
Fund aus Wani, VII. Jahrhundert v. Chr.

Selbst wenn ein Ausländer ein paar Tage in Georgien verbringt, werden in erster Linie unvergleichbare Gastfreundschaft, originelle Regeln des georgischen Festes und Rituale am Tisch auffallen, bei der es auch strenge Regeln und Disziplin gibt. Sonst halten die Georgier im Alltagsleben die Ordnung nicht so sehr, wie bei einer Supra. Sie nehmen alles sehr ernst. In der Tat ist die Supra eine wichtige Errungenschaft der spirituellen georgischen kulturellen Tradition. Man könnte sagen, dass es eines der stärksten Erkennungszeichen Georgiens ist. Bis jetzt hat niemand erforscht, in welcher Epoche der jahrhundertealten Geschichte des Landes sie entstanden ist. Die Hauptsache, diese Tradition existiert heute.

Trotz der vielen materiellen Nöte und des Elends, das das Land in letzter Zeit durchgemacht hat, besteht diese Tradition weiterhin. Es scheint, dass sie nicht vom Aussterben bedroht sein sollte. Armut und Entbehrung mögen die georgische Tafel einschränken, aber sie können ihr Wesen nicht ändern. Sie behält immer ihren Standpunkt bei.

Die Struktur der georgischen Tafel ist einfach. Ihre Elemente sind: Wein, Brot (im Sinne von Essen), Trinksprüche und Gesang. Die Austauschbarkeit und harmonische Kombination dieser vier Elemente schafft eine georgische Tafel.

Es gibt verschiedene Arten der georgischen Tafel:

  • festlich (Geburtstag, Verlobung, Hochzeit etc.)
  • traurig (nach der Beerdigung)
  • speziell & offiziell
  • im Freundeskreis durchgeführte Tafel
  • spontan

Jede von ihnen hat seine eigenen Regeln, aber für jede gibt es eine sogenannte ungeschriebene Gesetzmäßigkeit. Das Gesetz der Tafel ist unantastbar. Es könnte variabel sein, aber sein Kern, seine Bedeutung bleibt unverändert.

Georgier sitzen am Tisch, nicht nur um zu essen und zu trinken – es ist kein Selbstzweck. Sie versammeln sich mit großer Freude nicht nur um gutes Essen zu verspeisen oder guten Wein zu trinken, sondern ihre Freude bezieht sich darauf, gute Beziehungen zwischen Menschen zu pflegen und neue herzustellen. Das ist die Verbindung miteinander mit Vorfahren in der Vergangenheit. Hier erhalten sie die Gelegenheit, ihre Gefühle gegenüber Freunden und Bekannten liebevoll auszudrücken. Hier können sie offenherzig sein, unbefangen, der Freundlichkeit und aufrichtigen Gefühlen freie Bahn geben. Die georgische Tafel erlaubt dies. Übermäßiges Wohlwollen in deren Rahmen, übermäßiger Ausdruck von Gefühlen ist natürlich.

Nach den alten Römern sollten die Tischmitglieder nicht weniger sein als drei und die Anzahl der Musen sollte neun nicht überschreiten. Die Stimmung des Tisches können weniger als drei Personen nicht erzeugen und mehr als neun sind laut den Römern schwer zu kontrollieren. Man kann aber sagen, dass die Anzahl der Personen bei der georgischen Tafel unbegrenzt ist. Die Anzahl der Gäste variiert von zehn bis fünfhundert (besonders bei großen Hochzeiten). Es ist unmöglich, so viele Leute zu steuern und zu kontrollieren, da, wo viel Wein fließt. Man muss aufpassen, dass es sich nicht in Chaos verwandelt. Was die Untergrenze betrifft, also, weniger als drei Personen, können diese keinen georgischen Tisch bilden, da es unmöglich ist, ein georgisches Lied mit weniger als drei Stimmen aufzuführen. Der georgische Gesang ist dreistimmig und das Singen ist ein wesentliches Element des georgischen Tisches. Das verschönert den Tisch (dies hat noch Homer gesagt).

Stellen wir uns vor, da hat jemand eine Einladung zu einer festlichen Tafel (auch Lchini, Nadimi) bekommen. Ob es ein Geburtstag oder ein anderer besonderer Anlass ist. Er / sie nimmt die Einladung gerne an (nicht unbedingt schriftlich, es kann telefonisch, persönlich durch den Gastgeber sein oder durch jemanden anderen). Da freut sich diese Person besonders auf einen lustigen und herzlichen Abend. Möglicherweise weiß sie, was sie dort erwartet, wie das Abendessen durchgeführt wird, aber ihre Erwartungen werden deswegen nicht enttäuscht. Es ist, als würde man zu einem interessanten und geliebten Buch zurückkehren, in dem der Leser das zuvor Unbemerkte findet oder sich an das Vergessene erinnert. Jedes Abendessen ist trotz der ein für alle Mal bekannten Reihenfolge einzigartig und behält immer einen gewissen Charme, unerwartete Vorfreude, ein Geheimnis. Vor allem, was wichtig ist, die eingeladene Person fühlt sich wie ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft.

Tamada – der Tischmeister

Jeder Gast setzt sich an den Tisch. Die Sitze sind nicht vorab vergeben, aber es gibt einen Platz am Anfang des Tisches. Alle versuchen, zu vermeiden, sich dort einen Platz nehmen. Dieser Platz ist für einen Tischführer frei. Alle nehmen Platz. Der Gastgeber gibt bekannt, dass das Abendessen „gesegnet“ ist und ernennt den Tischführer, Tamada genannt. Der frisch gewählte Tamada wird seinen Platz an der Spitze des Tisches einnehmen, von dem aus der gesamte Tisch zu sehen ist. So beginnt er, seine Pflichten zu erfüllen. Weniger von den Gästen will kein Tamada sein und zieht eher vor, als einfaches Tischmitglied leckeres Essen und Wein zu genießen. Die Position von Tamada ist verantwortungsvoll. Der Tamada muss immer aufmerksam sein, um nichts zu verpassen, allen den gebührenden Respekt zu erweisen, niemandem die Aufmerksamkeit zu entziehen. Es ist ebenso wichtig, Trinksprüche der Reihe nach auszusprechen. Mit einem Wort, Tamada „arbeitet“ am Tisch.

Der Tamada nimmt seinen Platz ein. Wenn die Gesellschaft zahlreich ist, ernennt er einige Stellvertreter. Jeder von ihnen kontrolliert einen Teil des Tisches. Tamada beginnt seine direkte Pflicht Trinksprüche auszusprechen, die eine mehr oder weniger strenge Reihenfolge haben, was auf die Art des Tisches und den Zweck zurückzuführen ist. Es gibt jedoch ein allgemeines Schema, das einbehalten werden muss. Der Tamada muss die notwendigen Trinksprüche aussprechen. Er darf nichts weglassen. Sonst wird es als sein Fehler angesehen. Außer Pflichttrinksprüchen hat er die Möglichkeit, zu improvisieren und freie Trinksprüche auszudrücken. Die Reihenfolge der Trinksprüche ist definiert, Variationen sind jedoch erlaubt. Man kann einige aufschieben.

Jeder Tamada hat seine eigene Individualität, seinen eigenen Führungsstil, der die Atmosphäre des Festes und die Stimmung der Mitbewohner beeinflusst. Er ist der Regisseur der Tafel. Trinksprüche sind seine Waffe.

Allgemeine Trinksprüche

Ihre allgemeine Reihenfolge lautet wie folgt: Nachdem die Tischmitglieder auf den gewählten Tamada trinken, diese Person zum Tamada gewählt wurde, bedankt sich dieser in seinem ersten Trinkspruch und trinkt seinerseits auf das Wohl der Tischmitglieder. Er wünscht allen die Zeit am Abend friedlich und harmonisch zu verbringen, einander zuzuhören usw. Hier kann er gleich sagen, wie er den Tisch zu führen mag, ob man verpflichtet ist, das Glas zu leeren usw.

Das zweite Glas erhebt man zum Wohle der Familie oder persönlich seiner Gastgeberin, die dieses Abendessen zubereitete und den Menschen erlaubte, Spaß am Fest zu haben und Zeit miteinander zu verbringen. Dies ist der Fall, wenn das Abendessen in der Familie stattfindet.

Das dritte Glas erhebt man je nachdem, welchen Anlass die Tafel hat: sei es ein Geburtstag, eine Verlobung, ein Bankett nach der Verteidigung der Doktorarbeit oder eine Hochzeit.

Den vierten Trinkspruch widmet man der Erinnerung an die Verstorbenen oder Gefallenen in Kriegen. Dies wird aus Respekt an die Verstorbenen im Stehen getrunken. Danach könnte man auf die Eltern trinken (wenn sie am Leben sind, wünschen wir ihnen Gesundheit, langes Leben, Freude, wenn sie tot sind, trinkt man an deren Erinnerung).

Bevor der Tamada zu den persönlichen Trinksprüchen der Tischmitglieder übergeht, bietet er der Gesellschaft allgemeine Trinksprüche an, deren Repertoire ziemlich breit ist (jeder Tamada kann ihre Anzahl erhöhen); Man kann folgende Trinksprüche hervorbringen: auf die Liebe zur Heimat, Freundschaft oder Liebe, Frieden, Vorfahren, Kindheitserinnerungen, Frauen, Kinder …

Persönliche Trinksprüche

Dann trinkt der Tamada auf die Tischmitglieder. Er sollte niemandem vergessen. Alle Personen, die am Tisch sitzen, sind gleichberechtigt. Zuerst wird auf besonders angesehene Menschen getrunken, je nach Würde und Verdienst. An Tischen mit zahlreichen Gästen kann er paarweise auf sie trinken, zu dritt oder in Gruppen. Wenn am Tisch Personen anwesend sind, die er nicht kennt, erhält der Tamada Informationen vom Familienoberhaupt (wenn der Tisch in der Familie gedeckt ist).

Nach jedem Trinkspruch wählt der Tamada ein Tischmitglied aus, das dann einen Trinkspruch nach Tamada aussprechen muss. Dies nennt man Alawerdi. Wer Alawerdi vom Tamada übernimmt, wiederholt seine Äußerung in seinen eigenen Worten, entwickelt sie und gibt Alawerdi wiederum an einen anderen weiter. Und so trinken alle Mitglieder des Tisches einen persönlichen oder allgemeinen Toast nach dem anderen. Es gibt viel Lob in Trinksprüchen, oft übertrieben, so dass sich die Person sogar unbehaglich fühlt, aber gezwungen ist, zuzuhören. Um ein römisches Sprichwort zu paraphrasieren, muss man im Toast entweder loben oder nichts sagen.

Außer dem Tamada darf auch ein Tischmitglied Trinksprüche hervorbringen. Dies darf aber nicht ein Trinkspruch des Tamada sein, sondern sog. etwas Anderes, Freies, Individuelles. Jeder kann sich anschließen.

Singen & Tanzen

Zwischen den Trinksprüchen sollte man Pausen anlegen und Lieder anstimmen. Der Tamada initiiert ein Lied und ruft die Mitglieder des Tisches auf, zu singen. Eine Tafel, auf der nicht gesungen wird, gilt als mangelhaft. Die einzige Tafel, auf der man nicht singt, ist eine Trauertafel. Zu den Festlichkeiten gehört auch Tanzen. Um Zeit gut zu verbringen, wird getanzt.

Das Repertoire der oben genannten Lieder ist sehr breit. In einigen Regionen Georgiens gab es strenge Regeln für die Aufführung von Liedern am Tisch. Man hat nur Tafellieder gesungen und zwar in strenger Reihenfolge.

Die georgische Supra geht irgendwann auch zu Ende. Wenn das gesamte Repertoire an Trinksprüchen (sowohl obligatorische und als auch freie) erschöpft ist, erhebt sich ein Mitglied des Tisches, oft ein Ältester, ein Glas auf den Tamada, lobt ihn, dass er die Tafel so gut geführt hat, bedankt sich bei ihm und wünscht ihm, viele Tische zu führen. Das letzte Wort gehört dem Tamada.

Ende der Feier

Der letzte Trinkspruch ist der Jungfrau Maria gewidmet. Es ist der sogenannte «Allerheilige». «Allerheilige» ist ein Epitheton der Jungfrau Maria in der orthodoxen Welt. Dieser Trinkspruch ist wichtig, er vervollständigt die Tafel. Es gehört zum Ritual. Im bergigen Teil Georgiens in Swaneti bleibt die archaische Regel erhalten. Die Supra beendet man auch dort mit dem Trinkspruch an Mutter Maria. Die Reihenfolge der Toasts ist wie folgt: Zuerst wird zur Verherrlichung an Gott getrunken. Der zweite Trinkspruch ist dem Erzengel (Michael) gewidmet, der dritte – dem heiligen Georg. Zwischen diesen drei kanonischen Trinksprüchen wird zum jeweiligen Anlass der Versammlung (Verlobung, Hochzeit usw.) getrunken. Persönliche Toasts kennt man dort nicht. Es ist möglich, dass der Tamada auf einen angesehenen Gast oder einen Ältesten anstößt.

Bei den Festlichkeiten ist es auf jeden Fall wichtig, sich nicht sinnlos zu betrinken und die Zeit so schön miteinander zu verbringen, wie möglich.